Frühling in Sibirien

"Севернее Кореи – Nördlicheres Korea" war die Losung auf dem Frontbanner der MONSTRATION 2018

5000 Monstranten marschierten am 1. Mai hinter dem Frontbanner „Севернее Кореи – Nördlicher als (Nord)Korea“ durch die sibirische Hauptstadt Novosibirsk.                                                      (Fotos: Ivanov)

Am 1. Mai fand in Novosibirsk die traditionelle MONSTRATION statt. MONSTRATIONEN sind dadaistische Happenings im Grenzbereich von politischem Aktivismus und Kunstperformance.
Rund 5000 Menschen marschierten in selbst gebastelten Kostümen durch die Straßen der sibirischen Millionenmetropole. „Ich will ins Fernsehen“, skandierten sie, „Was wollen sie nicht verstehen?“, „Der Kosmos wartet auf uns“ oder „New Tahiti!“.


Die vordergründig unpolitischen, absurd anmutenden Monstrationen finden bei der Bevölkerung zunehmenden Anklang, desavouieren aber alle offiziellen Kundgebungen – sehr zum Ärger des politischen Establishments. Konflikte sind vorprogrammiert.
Artem Loskutov, einer der Organisatoren und Mitbegründer der MONSTRATIONEN, wird immer wieder verhaftet und in Polizeigewahrsam genommen. 2009 drohte Loskutov sogar mehrjährige Lagerhaft.

Lagebesprechung im Atelier von KOnstantin Skotnikov

Lagebesprechung im Atelier von Konstantin Skotnikov in Novosibirsk

 

Artem Loskutov und Lukas Pusch entwerfen das Frontbanner der 15. Monstration

Artem Loskutov und Lukas Pusch entwerfen das Frontbanner der 15. Monstration

Damals wurde er während der Ausstellung „pLAN zUr MONSTrATIoN“ in der von Lukas Pusch und Konstantin Skotnikov gegründeten WHITE CUBE GALLERY NOVOSIBIRSK verhaftet. Nach längeren Verhören behauptete die Polizei, sie hätte in seinem Rucksack Rauschgift gefunden. Erst auf Grund der Unterstützung einer breiten Solidaritätsbewegung, einigen Monaten in Untersuchungshaft und einer saftigen Verwaltungsstrafe kam der damals Zwanzigjährige letztlich wieder frei. Das harte Vorgehen der Polizei tat der wachsenden Popularität der MONSTRATIONEN keinen Abbruch. Im Gegenteil. Dieses Jahr wurde am 1. Mai bereits in zweiundzwanzig russischen Städten „monstriert“ – von Wladiwostok bis Moskau und St. Petersburg. MONSTRATIONEN gelten mittlerweile als eine sibirische Tradition, wie die lokale Kulturministerin Anna Tereshkowa in einem Interview für das Dokumentar- und Kunstfilmprojekt NEUES TAHITI von Lukas Pusch betont. Die bekannte Förderin kritischer russischer Gegenwartskunst bemüht sich seit ihrem Amtsantritt intensiv um ein besseres Klima zwischen Stadtverwaltung und MONSTRANTEN.

"Ne таитe Taiti – Versteckt Tahiti nicht",,, Das Banner der 15. Monstration wird fertig gestellt...

„Не таитe Таити – Versteckt Tahiti nicht!“ und „Севернее Кореи – Nördlicher als (Nord)Korea“, Artem Loskutov und Lukas Pusch als Plakatmaler im Atelier von Konstantin Skotnikov

Die erste MONSTRATION im Jahr 2004 war Vorbote einer größeren, später, in den 2010er Jahren, das ganze Land erfassenden Protestbewegung, die in Künstlergruppen wie „Woina“ und „Pussy Riot“, den Aktionen Pjotr Pawlenskis oder den Reportagezeichnungen Viktoria Lomaskos ihren ästhetischen Ausdruck fand. Eine Bewegung in dieser Form gibt es heute zwar nicht mehr, die MONSTRATIONEN aber sind geblieben.
 Sie haben ein Eigenleben entwickelt, sind Teil der kulturpolitischen Auseinandersetzung zwischen einer fortschrittlichen Künstlerschaft und dem autoritär geprägten russischen Staat geworden. Einer Auseinandersetzung, in der es um nichts Geringeres als die Freiheit der Kunst geht.

Die MONSTRATIONEN haben für’s erste gewonnen: sie haben dem Staat ein kleines Stück Freiheit abgetrotzt.
Zumindest hier, in Sibirien.
Vielleicht sind sie wieder die Vorboten einer neuen Entwicklung.
Freilich, Moskau ist weit weg.
In den letzten Tagen hat es hier nur leicht geschneit.
Es ist Frühling in Sibirien.

 

Am Ende der Monstration begutachten KOnstantin Skotnikov, Artem Loskutov, Lukas Pusch und Konstantin Eromenko die gesammelten Plakate und führen sie zur Ausstellung "Post

Nach der MONSTRATION werden die gesammelten Plakate zur Ausstellung „POSTPLAKAT“ gebracht